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NORMALE LEUTE – Erzählungen
Gebunden, 151 Seiten, ISBN 978-3-905881-54-7
Ab August 2017 im Buchhandel (auch online) erhältlich
oder zu CHF 24.80 direkt bei 
www.vaneckverlag.li

Was steckt im Sofakissen des Mannes, der sich zu seiner Schwägerin hingezogen fühlt, aber dennoch nicht mit ihr ins Bett will? Was treibt ein verzweifelter Autor in Venedig, der zudem von Boteros Skulpturen heimgesucht wird? Was richtet ein Altersheimbewohner im Internet an? Wieso gerät eine Ferienreisende in die Führerkabine eines Trucks? Weshalb endet die Städtereise eines Rentnerpaares im Fiasko? Welcherart ist das Geheimnis, das eine Tochter im Kleiderschrank ihrer Mutter entdeckt? Welche Folgen hat ein Fahrplanwechsel? Wieso scheint die kleine Schwester nach einer Reise zu leuchten? Was sucht der junge Mann in der Villa einer alten Dame? Wie entrinnt man einem unentrinnbaren Kreislauf? Was brennt im Kachelofen der Großmutter, die sich an ihre Hippiejahre erinnert? Wie kommt es, dass eine Pflanze eine Nachbarschaft durcheinanderbringt? Die zwölf Erzählungen, entstanden in den Jahren 2003 bis 2016, gehen den Anatomien von Schieflagen auf den Grund. Normale Leute, die plötzlich mit ihren blinden Flecken konfrontiert werden, deren Alltag Erschütterungen erfährt und sie nötigt, ihren heimlichen Wünschen, Verdrängungen und Fehltritten ins Auge zu sehen. Und nichts mehr ist normal.

 

Appetithappen:

Das Klingeln erschien ihr lauter als sonst, Dringlichkeitsstufe 1. Es war der Dorfpolizist, der in der Kälte stand. Den musste sie wohl reinlassen. Die Störung am Samstag tue ihm leid, meinte er, und betrat, den Kopf unter dem Türstock einziehend, die Stube. Schön warm ist es bei dir. Es geht um Sigi. Man sagt, er sei am Mittwochnachmittag bei dir gewesen. Sie stellte ihm einen Kaffee hin, den er dankbar schlürfte. Sigi gehört das Haus, meinte sie und nahm ihre dampfende Tasse an den Tisch, er schaut ab und zu hier rein. Wann genau er gegangen sei. Sie habe nicht auf die Uhr geschaut, irgendwann zwischen vier und fünf. Der Polizist nahm ein paar Schlucke. So, wie es aussehe, sei er danach verschwunden, niemand habe ihn seither gesehen. (Bitterkraut)

An einem Montag im Dezember jedoch verkündete die Dame aus den Lautsprechern, dass der Anschlusszug nicht mehr auf Gleis acht, sondern auf Gleis sechs abfahre und dies, zu ihrer Bestürzung, nicht in achtzehn, sondern in fünf Minuten. Ungelenk und mit klopfendem Herzen stöckelte sie vorbei am italienischen Café und den Karren mit den Snacks, dem übervollen Kioskhäuschen, dem Infoschalter, der ihr wie ein Segelboot vorkam, den bewegten Reklametafeln, sah von Ferne Niki de Saint-Phalles riesigen Engel in der Bahnhofshalle schweben und erhaschte von der ganzen Bahnhofsszenerie nicht mehr als einen Wirbel aus bunten und nervösen Fetzen, die durch ihr Gehirn fegten. (Die gestohlenen Minuten)

Im Morgengrauen erschreckte ihn ein Geräusch vor dem Fenster. Er versuchte aus dem Fensterschlitz zu spähen, hörte es aber nur plätschern und jemanden leise sprechen. Er tastete sich durch den Gang zur hinteren Verandatür und von dort in den Garten. Endlich sah er die Gestalt, die sich mit einem Gegenstand abmühte. Es war seine Mutter, in einem anthrazitfarbenen Nachthemd und barfuß, die mit einem Kanister hantierte und eine Flüssigkeit über den Holzstoß schüttete, der unter dem Fenster seiner Kammer aufgeschichtet war. Schließlich versuchte sie ein Feuerzeug zu entzünden. Sie schaffte es beim vierten oder fünften Mal und hielt die Flamme bereits an den mit Benzin getränkten Holzstoß. (Bipolarnacht)

Agnes verschloss den Schrank immer und versorgte auch selbst die Wäsche. Eine Marotte, hatte Silvia dabei gedacht. Sie schlich an der Schlafenden vorbei und betrat die Kammer. Auf dem Nachttisch stand ein gerahmtes Foto ihrer Eltern, aufgenommen während einer Wanderung in der fränkischen Schweiz. Das Zimmer war aufgeräumt, die Nippesfiguren auf dem Regal abgestaubt. Jede Falte des Vorhangs fiel senkrecht. Die Schuhe standen aufgereiht da. Silvia ging zum Schrank, um die Tür zu schließen. Da bemerkte sie auf der Innenseite ein buntes Papierstück, das etwas abstand. Als sie die Tür zur Seite klappte … (Die Sache mit Udo)

Als Paula bei einer Raststätte den Tank füllte, bemerkte sie einen Lichtschimmer im Auto und dachte, sie hätte die Innenbeleuchtung angelassen. Sie hätte beinahe den Tankstutzen fallen lassen, schaute ein zweites Mal hin, aber da war es verschwunden, dieses haarfeine Leuchten, das von Beli wie ein Nachglühen ausgegangen war. Wahrscheinlich die Scheinwerfer eines Wagens oder das Neonlicht des Tankstellenshops, dachte sie. Ihre Schwester war so ruhig – sicher hatte sie zu viele Beruhigungstabletten eingeworfen. Was Beli bei der Weiterfahrt aber verneinte, sie hätte die Pillen unterwegs verloren und sie auch nicht gebraucht. (Fulgurit)

Urs denkt lange nach, als sie mit ihrer Geschichte bei ihm angelangt ist, mindestens drei endlose Kurven lang. Der Stau hat die Seite des Tals gewechselt und es wird kühl, der Abend bricht herein. Urs reicht ihr eine Patchworkdecke, denn sie beginnt zu frösteln.
„Mann, Mann“, sagt er, „das ist so unerhört, dass es beinahe lustig ist.“
Und dann lachen sie beide lauthals und Elvis schwingt seine Hüften dazu.
„Dem musst du jetzt aber den Marsch blasen!“ (Phasen der Taubheit)

„Vielleicht solltest du das Gewächs wirklich ausreißen. Was klammerst du dich denn so daran? Ist doch nur eine Pflanze“, sagte er.
„Eben“, sagte sie, „es ist nur eine Pflanze. Wie kann man sich deswegen so ereifern?“
„Zwist entzündet sich meist an den kleinen Dingen“, sagte er.
„Und du könntest zu mir halten“, sagte Emilia, „anstatt dich auf die Seite der anderen zu schlagen.“
„Aber ich bin doch auf deiner Seite“, sagte Lorenz, „das war ich immer.“
(Der Schierling)